Queensryche – Die Legenden in Hamburg

Es gibt Konzerte, bei denen schon nach wenigen Minuten klar wird, dass hier weit mehr passiert als das routinierte Abspielen einer Setlist. Queensrÿche lieferten in der Hamburger Markthalle genau einen solchen Abend ab. Rund drei Viertel der traditionsreichen Halle waren gefüllt, die Vorfreude war greifbar und spätestens mit den ersten Klassikern verwandelte sich das Publikum in einen lautstarken Chor. Die US-Amerikaner präsentierten sich spielfreudig, technisch brillant und mit einem Sänger, der einmal mehr unter Beweis stellte, warum Queensrÿche auch 2026 zu den stärksten Live-Bands des Progressive Metal gehören.


Ein ungewöhnlicher Auftakt: Rivers of Nihil überraschen mit Death Metal und Saxophon

Den Konzertabend eröffneten Rivers of Nihil. Die Band aus Pennsylvania zählt seit Jahren zu den interessantesten Vertretern des modernen Progressive Death Metal und brachte einen Sound auf die Bühne, der sich bewusst jeder Schublade entzieht.

Die Lautstärke war zu Beginn etwas zu hoch angesetzt, wodurch einzelne Feinheiten im Mix verloren gingen. Trotzdem hinterließen Rivers of Nihil Eindruck. Zwischen wuchtigen Gitarrenwänden, technisch anspruchsvollen Rhythmen und tiefen Growls sorgten immer wieder melodische Passagen für Abwechslung. Besonders das Saxophon verlieh den Songs eine ganz eigene Atmosphäre und setzte Akzente, die man im Death Metal nur selten erlebt.

Gerade dieser musikalische Gegensatz machte den Reiz des Abends aus. Während Rivers of Nihil die moderne Interpretation progressiver Härte verkörperten, standen Queensrÿche wenige Minuten später für jene Band, die dieses Genre bereits Jahrzehnte zuvor entscheidend mitgeprägt hatte.


Eine Band, die den Progressive Metal geprägt hat

Seit der Gründung Anfang der 1980er-Jahre gehört Queensrÿche zu den wichtigsten Namen des amerikanischen Heavy Metal. Gemeinsam mit Bands wie Fates Warning oder später Dream Theater entwickelte die Formation aus Seattle einen Stil, der harte Gitarren mit komplexen Songstrukturen, anspruchsvollen Arrangements und starken Melodien verband.

Den endgültigen Durchbruch schaffte die Band 1988 mit dem Konzeptalbum Operation: Mindcrime. Bis heute gilt das Werk als eines der bedeutendsten Alben der Metal-Geschichte und wird regelmäßig in einem Atemzug mit den großen Konzeptwerken des Genres genannt.

Auch Rock-Music.net widmete diesem Meilenstein bereits einen ausführlichen Bericht, als Geoff Tate 2018 mit seinem Projekt Operation: Mindcrime das komplette Album live präsentierte. Umso spannender war es nun, viele dieser Klassiker wieder von Queensrÿche selbst auf einer Bühne erleben zu dürfen.

Mit Todd La Torre steht inzwischen seit vielen Jahren ein Sänger am Mikrofon, der längst bewiesen hat, dass er keine Kopie seines Vorgängers sein muss. Er interpretiert die Songs mit Respekt vor dem Original und bringt gleichzeitig seine eigene Handschrift ein.


Ein Auftakt ohne Kompromisse

Schon mit den ersten Tönen von Queen of the Reich war klar, dass Queensrÿche an diesem Abend keine Zeit verlieren würden. Druckvoll, präzise und voller Energie legte die Band los. Es folgten Operation: Mindcrime, Walk in the Shadows, Speak und I Don’t Believe in Love – eine Eröffnung, die den Fans kaum Gelegenheit zum Durchatmen ließ.

Todd La Torre präsentierte sich dabei in absoluter Bestform. Seine Stimme wirkte kraftvoll, klar und erstaunlich mühelos. Selbst anspruchsvollste Höhen meisterte er scheinbar ohne Anstrengung und ließ keinen Zweifel daran, warum er heute zu den besten Metal-Sängern seiner Generation zählt.

Noch beeindruckender war jedoch seine Bühnenpräsenz. Immer wieder suchte er den direkten Kontakt zum Publikum, lächelte in die ersten Reihen, animierte zum Mitsingen und nahm die Begeisterung der Fans sichtbar auf. Die Hamburger ließen sich nicht lange bitten. Bereits nach wenigen Songs wurde jeder Refrain lautstark begleitet. Zwischen Bühne und Publikum entstand eine besondere Verbindung, die den gesamten Abend tragen sollte.


Michael Wilton liefert eine Gitarrenstunde

Wenn eine Konstante die Geschichte von Queensrÿche prägt, dann ist es Michael Wilton.

Der Gründungsmitglied bewies eindrucksvoll, weshalb er seit Jahrzehnten zu den angesehensten Gitarristen des Genres gehört. Seine Riffs klangen druckvoll und präzise, die Soli technisch makellos und dennoch nie selbstverliebt. Jeder Ton saß genau dort, wo er hingehörte.

Gerade in einer Zeit, in der viele Bands ihre Klassiker mit modernen Arrangements verändern, blieb Queensrÿche angenehm authentisch. Die Songs erhielten genau den Raum, den sie verdienen. Keine überflüssigen Experimente, sondern starke Kompositionen, die auch fast vier Jahrzehnte nach ihrer Veröffentlichung nichts von ihrer Wirkung verloren haben.


Eine Setlist, die kaum Wünsche offen ließ

Die Songauswahl führte durch nahezu alle wichtigen Phasen der Bandgeschichte. Mit Warning, Best I Can, London, Behind the Walls, Digital oder Empire zeigte Queensrÿche eindrucksvoll, wie viele Klassiker sich über die Jahrzehnte angesammelt haben.

Einer der emotionalsten Momente des Abends war Take Hold of the Flame. Bereits nach wenigen Sekunden übernahm das Publikum große Teile des Gesangs und verwandelte die Markthalle in einen riesigen Chor.

Mit Jet City Woman folgte einer der melodischsten Titel des Abends, bevor Empire noch einmal für ausgelassene Stimmung sorgte.

Den krönenden Abschluss bildete schließlich Eyes of a Stranger. Ein Song, der mehr als jeder andere für das legendäre Operation: Mindcrime steht und einen Konzertabend beendete, der sowohl musikalisch als auch emotional auf ganzer Linie überzeugte.


Weniger Show, mehr Musik

Queensrÿche verzichteten auf große Effekte oder spektakuläre Bühnenelemente. Die Lichtshow blieb funktional und rückte nie in den Mittelpunkt. Genau das erwies sich als richtige Entscheidung.

Der Fokus lag vollständig auf der Musik. Nachdem der Sound bei Rivers of Nihil noch etwas unausgewogen wirkte, präsentierte sich Queensrÿche mit einem hervorragend abgestimmten Mix. Gesang, Gitarren, Bass und Schlagzeug waren klar voneinander getrennt. Gerade die vielen Details der Arrangements kamen dadurch hervorragend zur Geltung.

Die Markthalle erwies sich erneut als idealer Ort für ein Konzert dieser Größenordnung. Die Nähe zur Bühne ließ das Publikum unmittelbar am Geschehen teilhaben. Große Arenen mögen mehr Besucher fassen. Die Atmosphäre eines Clubkonzerts wie an diesem Abend können sie jedoch kaum erreichen.


Fazit

Queensrÿche haben in Hamburg eindrucksvoll bewiesen, dass ihre Geschichte noch lange nicht abgeschlossen ist.

Todd La Torre überzeugte mit einer außergewöhnlichen Gesangsleistung und einer sympathischen, offenen Bühnenpräsenz. Michael Wilton spielte einmal mehr auf Weltklasse-Niveau und führte eindrucksvoll vor Augen, warum sein Name seit Jahrzehnten untrennbar mit Queensrÿche verbunden ist. Die Band wirkte eingespielt, voller Spielfreude und mit sichtbarer Lust, diese Songs auch nach über vierzig Jahren noch auf die Bühne zu bringen.

Für Rock-Music.net schloss sich an diesem Abend ein Kreis. Nachdem wir 2018 Geoff Tate mit Operation: Mindcrime begleitet hatten, zeigte nun Queensrÿche selbst, dass ihre Geschichte weit über ein einziges Album hinausreicht. Die Band lebt nicht von ihrer Vergangenheit. Sie lebt von ihrer Qualität auf der Bühne.

Wer Queensrÿche bisher nur aus den Plattensammlungen der Achtziger kannte, dürfte die Markthalle mit der Erkenntnis verlassen haben, dass diese Band auch heute noch zur ersten Liga des Genres gehört.


Queensrÿche – Live in der Markthalle Hamburg

Setlist

  1. Queen of the Reich
  2. Operation: Mindcrime
  3. Walk in the Shadows
  4. Speak
  5. I Don’t Believe in Love
  6. London
  7. Best I Can
  8. Warning
  9. Neue Regel
  10. Behind the Walls
  11. Take Hold of the Flame
  12. Jet City Woman
  13. Digital
  14. Anarchy-X
  15. Revolution Calling
  16. Empire
  17. Eyes of a Stranger

Queensrÿche 2026

  • Todd La Torre – Gesang
  • Michael Wilton – Gitarre
  • Mike Stone – Gitarre
  • Eddie Jackson – Bass
  • Casey Grillo – Schlagzeug

Support

Rivers of Nihil (USA)

Danke für´s Lesen. Punkt!

 

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